Eine Stellungnahme zur neuen Bedeutung der Ausbildung in der Regierungserklärung Angela Merkels


Als Angela Merkel am vergangenen Mittwoch an das Mikrofon des Plenarsaals im deutschen Bundestag trat, war das alles andere als ein Routine-Auftritt. Traditionell gibt die Bundeskanzlerin zu Beginn einer Legislaturperiode die Regierungserklärung ab. Dabei setzt sie die wichtigsten Themen für die nächsten vier Jahre und macht deutlich, wo aus Ihrer Sicht dringender Handlungsbedarf besteht. Eine der wichtigsten Reden also, bevor die eigentliche Regierungsarbeit beginnt.

In Ihrer aktuellen Erklärung (übrigens hier im O-Ton nachzulesen) sprach sie selbstverständlich auch über Arbeitsmarktthemen und setzte in diesem Kontext einen hochinteressanten Akzent. Sie gab dem Thema Ausbildung eine ganz besondere Note. So versprach „Mutti“, wie sie mittlerweile aufgrund ihrer 13 Regierungsjahre fast liebevoll von vielen Deutschen genannt wird, einen „Berufsbildungspakt“, der die Situation in der Ausbildung deutlich verbessern solle – im Original klang das so:

Wir werden einen Berufsbildungspakt auflegen. Denn seien wir ehrlich: Wir haben uns jahrelang um den Ausbau der Hochschulen gekümmert, um die Verbesserung der Bedingungen für das Studium. Jetzt sind auch einmal die beruflichen Schulen dran und die berufliche Ausbildung, eine große Stärke unseres Landes.

Wir finden: Gut so, Mutti! Denn wer wüsste besser als wir, dass die Rekrutierung von Azubis, sei es in der sofortigen Berufsausbildung nach der Schule oder im berufsbegleitendem Studium, eines der drängendsten Themen für Arbeitgeber ist. Auch in ihrem Sinne möchten wir gerne die Absichtserklärung der Kanzlerin nutzen, um vier konkrete Thesen und Appelle rund um die Situation auf dem Ausbildungsmarkt los zu werden. Sie basieren unter anderem auf einer Azubi-Studie, die wir gemeinsam mit einem Kölner Marktforschungsunternehmen umgesetzt haben und in Kürze veröffentlichen werden:

Berufsorientierung ausbauen

Sowohl frühere als auch aktuelle Azubi-Generationen beklagen den Mangel an Angeboten zur Berufsorientierung. Mehr als acht von zehn Azubis hegen diesen Wunsch.
Die Entscheidung für den ersten Job ist eine der ersten wirklich wichtigen und wegweisenden im Leben der meisten jungen Menschen. Öffentliche Stellen, Arbeitgeber und HR-Dienstleister sollten gemeinsam dafür sorgen, dass sie diesen Schritt bestens informiert gehen können. Deshalb gilt es, starke Angebote zur Berufsorientierung zu entwickeln – an den Schulen und öffentlichen Institutionen, vor allem aber digital.

Digitale Informationsmöglichkeiten zur Berufsorientierung ausbauen

Mit einer Weiterbildung von Lehrern, wie in der Regierungserklärung angekündigt, ist es sicher nicht getan. Eine Binsenweisheit: Junge Leute nutzen das Internet, um sich zu informieren. Dem gilt es, endlich Rechnung zu tragen und sich von altbackenen Informationsangeboten zu trennen. Wir brauchen digitale Angebote, die den Namen verdienen. Hier sollten zeitgemäße und auf die junge Zielgruppe absolut passende Web-Konzepte entstehen, die von jungen Menschen akzeptiert werden.

Mehr Mut auf Arbeitgeber-Seite

Nicht immer ist nur die Politik gefordert, wenn es darum geht eine gesellschaftliche Herausforderung zu meistern. Um die Situation auf dem Ausbildungsmarkt zu verbessern, sind daher auch die Arbeitgeber selbst gefordert. Das klassische Bewerbungs- und Rekrutierungsverfahren gehört auf den Prüfstand. Es ist derzeit nicht so aufgestellt, dass die richtigen Azubis zu den passenden Unternehmen finden. Die Arbeitgeberkommunikation der einzelnen Unternehmen ähnelt sich in Aussagen und Erscheinungsbild zu sehr, als dass sie den suchenden Azubis Anhaltspunkte liefern könnte, wo sie sich bewerben sollen und wo eher nicht. Umgekehrt ist auch das klassische Bewerbungsverfahren über Anschreiben, Lebenslauf und Bewerbungsfoto längst überholt. Wie sollen zwei Parteien zusammenfinden, die beide an der Oberfläche kommunizieren? Wir wünschen uns deutlich mehr Mut in diesem Kontext – der allerdings muss initial von den Arbeitgebern ausgehen.

Berufsausbildung und akademische Ausbildung brauchen den gleichen Stellenwert

Frau Merkel hat richtig bemerkt, dass die Förderung der Hochschulen und der dortigen Ausbildung in den vergangenen Jahren einen sehr hohen Stellenwert in Deutschland besessen hat – vielleicht einen zu hohen. Arbeitgeber in Deutschland sind händeringend auf der Suche nach Azubis, die in den Fachberufen ausgebildet werden, die einen großen Teil des Facharbeiter-Mangels in Deutschland ausmachen. Das bedeutet: Die berufliche Ausbildung muss den gleichen Stellenwert bekommen, wie die an den Universitäten. Anders ist das viel diskutierte Problem des Fachkräftemangels nicht zu lösen. Anders ausgedrückt: Wir wissen alles über die GenY, aber viel zu wenig über die jungen Menschen, die von den Schulen aus auf den Arbeitsmarkt kommen. Dieses Ungleichgewicht gilt es zu ändern.

Talents Connect begrüßt es sehr, dass die Ausbildung in Deutschland an Wichtigkeit gewinnt. Nun gilt es, der Absichtserklärung Taten folgen zu lassen. Wir sind bereit, mit anzupacken. Denn das Ausbildungssystem hierzulande ist einzigartig. Es lohnt sich, es stetig zu verbessern. Arbeiten wir also am Berufsbildungspakt – aber lasst es uns richtig tun.